Architekturfotografie

Alt und neu
Bei diesem Thema denkt man zuerst an die weitverbreitete Meinung, Architekturaufnahmen seien nur mit einer Großbildkamera mit verstellbarer Rückwand zu bewältigen. Kleinbildkameras taugen angeblich dazu nicht. Doch jeder Lichtbildervortrag einer Fernreise zeigt neben Landschaftsaufnahmen und Menschen überwiegend fotografierte Architektur. Von New Yorks Wolkenkratzern bis zur Golden Gate Brücke, von thailändisehen Tempelanlagen bis zur Akropolis. Gewisse Mängel in der perspektivischen Darstellung werden durchaus akzeptiert, viele überhaupt nicht bemerkt. Denn es sind nicht unbedingt nur die stürzenden Linien, die stören können, viele fotografische Fehler bei der Architekturfotografie könnten vermieden werden - auch ohne kostspielige Spezialobjektive. Wichtig ist, daß sich der Fotograf darüber im klaren ist, was er mit seinem Foto eines Gebäudes aussagen will. Soll es die Dimensionen zeigen, auf welche Merkmale kommt es besonders an, muß es unbedingt eine dokumentarische Aufnahme sein oder kann er sich größere gestalterische Freiheiten erlauben? Zeigen Details wesentliche Merkmale eindeutiger als Totalaufnahmen?

Alt und neu, ein Beispiel das Architekturfotografie nicht langweilig sein muß

Unabhängig von solchen gestaltenschen Uberlegungen spielt der Aufnahmezeitpunkt bei Architekturaufnahmen eine große Rolle, denn der Fotograf ist auf die natürliche Beleuchtung, die Richtung des Lichtes angewiesen. Dabei ist die Himmelsrichtung wichtig, das Gebäude wird frontal, seitlich oder im Gegenlicht beleuchtet, sowie der Einfallswinkel des Lichtes. stark seitlich oder fast von oben. Zum Faktor Licht gesellt sich der Faktor Wetter. Ein Bauwerk wirkt bei strahlend blauem Himmel völlig anders als bei diesigem Wetter oder einer dicken Wolkendecke.

Weitere wesentliche Aspekte ergeben sich durch den Aufnahmestandpunkt, die dadurch entstehende Perspektive und das eingesetzte Objektiv. Aus der gewohnten Augen- oder bestenfalls Bauchperspektive ergeben sich gewohnte, übliche Ansichten. In der Froschperspektive gewinnt das Gebäude Wucht und Dynamik, ragt in den Himmel empor, vor dem es wirkungsvoll freigestellt wird. Ein erhöhter Aufnahmestandpunkt dagegen zeigt das Gebäude in seinem Umfeld, vermittelt den Eindruck seiner flächigen Ausdehnung.

Die Wahl des Objektivs sollte gründlich überlegt werden. Weitwinkelobjektive bringen zwar mehr auf das Filmformat, aber auf Kosten der Größe. Der Vordergrund wird betont, das Gebäude selbst wirkt wie in die Landschaft geschoben, es erscheint flacher, als es tatsächlich ist.

Das Normalobjektiv entspricht zwar dem normalen Seheindruck, doch trotzdem wirken die Gebäude auf dem Foto entfernter, als man sich zu erinnern glaubt. Ein leichtes Teleobjektiv mit 85 oder 100 mm Brennweite stellt eher zufrieden. Das ganze Gebäude auf einem Foto, und dazu auf keiner Seite an geschnitten. wirkt wie aus einem Spielzeugkasten. Schneide also ruhig die Gebäude an, wähle interessante Perspektiven, und achte vor allem darauf, daß der Bildbetrachter die markanten Merkmale des Bauwerks auf dem Foto wiederfindet.

Brooklyn Bridge
Die Brooklyn Bridge in New York aus einer interessanten Perspektive.

Durch Anschneiden des Gebäudes läßt sich auch die perspektivische Verzeichnung besser unterdrücken, wenn du darauf achtest, daß die übrigen senkrechten Linien parallel zum Bildrand verlaufen. Damit der Betrachter einen Eindruck der Dimension des Bauwerks erhält, sollten Größenvergleiche vorhanden sein. Am besten eignen sich dazu Menschen, Autos oder andere Fahrzeuge.

Entscheidend für die Wirkung des Architekturfotos ist die Einfallsrichtung des Lichtes. Frontale Beleuchtung verflacht Formen und Strukturen, Licht von oben ist ebenfalls wenig ausdrucksfähig. Am besten eignet sich leichtes Seitenlicht, und schräges Streiflicht am frühen Morgen und späten Nachmittag modelliert Formen plastisch heraus. Im Laufe des Tages wechselt das Licht in seiner Richtung und Qualität. So kann man zum richtigen Zeitpunkt markante Merkmale von Bauwerken wirkungsvoll hervorheben. Oft läßt sich schon mit Hilfe eines Stadtplans feststellen, wann eine Gebäudefront optimal beleuchtet sein wird.

Die unverzichtbare Forderung an Architekturfotos heißt: absolute Bildschärfe. Dazu solltest Du alle Möglichkeiten nutzen: Einen geringempfindlichen, feinkörnigen Film einsetzen, das Stativ verwenden, sorgfältigst scharfstellen und möglichst stark abblenden. Wenn dann noch das einfallende Licht Strukturen, Linien und Formen klar herausarbeitet, ist das Maximum der Bildgestaltung erreicht.

Die Belichtung sollte sehr genau vorgenommen werden, eher etwas knapp, denn Überbelichtung beeinträchtigt die technische Qualität des Fotos. Lege die Schärfe genau auf die wichtigen Bildteile. Verschenke aber keine Schärfentiefe, indem du einfach auf Unendlich einstellst. Du erreichst damit mehr Schärfe im Vordergrund. Also nicht zu stark abblenden. Die relativ lichtstarken Objektive ergeben ihre beste Leistung bei mittleren Blenden. Das Scharfstellen und Auswinkeln des Motivs solltest du äußerst gewissenhaft vornehmen. Damit deine Aufnahmen nicht verwinkelt werden, kannst du vielleicht die Mattscheibe deiner Kamera gegen eine Einstellscheibe mit Linienraster auswechseln. Ein Lupensucher mit sechsfacher Vergrößerung erleichtert das supergenaue Einstellen, und eine in den Mittenschuh ein steckbare Wasserwaage leistet mitunter ebenfalls gute Dienste.

Erfahrungsgemäß sollten folgende Ratschläge beachtet werden:
Das Capitol in Washington DC
Neben Formen sind mitunter auch Farben ein wichtiges Element in der Gebäudefotografie. Die Personen im Vordergrund erzeugen räumliche Tiefe und sorgen für einen schönen Größenvergleich.
Die Kuppel des Capitols von innen
Lichtverhältnisse in Gebäuden machen Architekturaufnahmen nicht einfach, aber gerade Fotografien im Innern von Bauwerken zeigen diese oft in ungewöhnlicher und interessanter Darstellung.


Nachtaufnahmen von Gebäuden macht man am besten schon in der Dämmerung, dann ist der Himmel noch hell genug, so daß sich die Gebäude abheben. Stativeinsatz und Langzeitbelichtung sind dabei erforderlich.

Menschen sind in Architekturaufnahmen meist zufällig. Doch sie können mitunter erst den richtigen Eindruck der Größenverhältnisse veranschaulichen. Allerdings sollten die abgebildeten Personen nicht das Bild beherrschen.


Ausrüstung für die Architekturfotografie
Digitale Bildbearbeitung

Hier sind zwei Beispiele wie Fotografien von Bauwerken mit dem Computer verfremdet werden können. Im Vordergrund stand dabei, die eigentliche Intension des Bildes zu stärker hervorzuheben.


Golden Gate Bridge Golden Gate Bridge

Die Golden Gate Bridge bei San Francisco. Schon lange ist sie nicht mehr die längste Hängebrücke der Welt, wohl aber immer noch die bekannteste und schönste. Der Grund sind die zig Tonnen an roter Farbe die jährlich neu aufgestrichen werden. Durch die Verfremdung soll dieses markannte Rot noch mehr hervorgehoben werden.



Lichtspiel in der Kathedrale von Palma Lichtspiel in der Kathedrale von Palma

Das Sonnenlicht, welches durch die bunten Kirchenfenster der Kathedrale fällt, liefert ein schönes Farbenspiel.

Weitere Beispiele findest du auf meinen cOnfusion-Seiten in der Rubrik [fOto & aRtwork]


* Ist das Motiv z.B. ein Wolkenkratzer, kann der Fotograf ihn auf zwei Arten auffassen: Ist das Bild als technische Illustration bestimmt, wird wahrscheinlich eine unverzeichnete Aufnahme (Kamera waagerecht, d.h. Filmebene parallel zur Gebäudefront) am günstigsten sein, da sie ein Bild ergibt, in dem die Seiten des Gebäudes parallel wiedergegeben werden. Wenn andererseits der Zweck des Bildes darin besteht, die Größe des Wolkenkratzers zu zeigen, wird eine schräge Aufnahmerichtung (Kamera nach oben gerichtet), bei der die Mauern des Gebäudes anscheinend nach oben zusammenlaufen, einen stärkeren Eindruck der Höhe (Bild unten) geben und daher vorzuziehen sein.

Emire State Building

[zurück]

have fun :-)